Die Open-Science-Transformation in der Kommunikations- und Medienwissenschaft im Zeitalter von KI – ein Workshopbericht von Stefan Cravcisin, Wolfgang Reißmann und Lydia Riedl

Image by StartupStockPhotos from Pixabay
Von Stefan Cravcisin, Wolfgang Reißmann und Lydia Riedl
Rethinking Openness in 2025
In den 1990er-Jahren stiegen die Preise für wissenschaftliche Zeitschriften enorm an und führten gemeinsam mit deren paketweiser Vermarktung, die attraktive und weniger attraktive Zeitschriften bündelte und gemeinsam vertrieb, zur sog. ‹Zeitschriftenkrise›. Selbst die Bibliotheken wirtschaftlich potenter Universitäten gerieten dabei an ihre finanziellen Grenzen, was den Weg für die Open-Access-Bewegung bereitete, die sich 2002 bzw. 2003 in den Erklärungen von Budapest, Bethesda und Berlin niederschlug. Die Open-Access-Bewegung wiederum wurde Teil einer umfassenderen Open-Science-Bewegung, die Prinzipien wie Open Access, Open Data, Open Educational Resources oder Open Peer Review propagierte und praktizierte und sich in der UNESCO Recommendation on Open Science manifestierte. Die Open-Science-Bewegung und das mit ihr eng verbundene Konzept der «Openness» ist somit als Reaktion auf eine krisenhafte Erfahrung zu verstehen, für die «Openness» die Lösung ist. Somit werden Krisen durch eine zunehmende Strategie umfassender Öffnung behoben. Was ist aber, wenn diese «Openness» bzw. ihre gegenwärtige Gestaltung selbst Teil einer Krise wird. Wie kann «Openness» darauf reagieren, wenn Regierungen die für sie notwendigen Infrastrukturen abschalten oder gar Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft selbst infrage stellen? Hat das Training von Künstlicher Intelligenz (KI) mit offenem wissenschaftlichen Erkenntnis-Output wirklich nur Vorteile für die Wissenschaft? Und wie ist es um eine Open Science bestellt, deren Praktiken zunehmend von kommerziellen Großkonzernen gekapert und in proprietäre Forschungssoftware integriert werden?
Diese Fragen betreffen zwar alle wissenschaftlichen Disziplinen, sind aber besonders für die Kommunikations- und Medienwissenschaft bedeutend, da sich diese mit Kommunikation, Medien und den sie ermöglichenden Infrastrukturen befasst. Insofern war es dem FID Media ein Anliegen, diese Punkte aufzugreifen und im Rahmen des Workshops «Rethinking Openness in 2025» kritisch zu diskutieren und zu reflektieren. Der Workshop wandte sich mit Offenheit und Kommunikation, Daten und Digitalität sowie Infrastrukturen drei relevanten Themenbereichen dieses Diskursfeldes zu. Der Ergebnisse des Workshops dokumentiert dieser Bericht.
Offenheit und Kommunikation
Moderiert von Stefan Cravcisin und Lydia Riedl (beide UB Marburg) setzten sich im ersten Panel drei Vorträge mit dem Stand der Öffnung von Publikationen und Datenkorpora in der Kommunikations- und Medienwissenschaft auseinander. Zugleich griffen die Referent:innen eingeschliffene Verständnisweisen und assoziative Implikationen des Begriffs «Openness» auf, die sie angesichts neuer bzw. veränderter Realitäten kritisch befragten. Das Thema KI zeigte sich dabei als Chiffre für generelle Unsicherheiten und Ungewissheiten, weit über technologische Entwicklungen hinaus.
Sophie G. Einwächter (Universität Marburg) eröffnete, für die Medienkulturwissenschaft sprechend, ihren Vortrag mit einem Blick auf Erreichtes: Das Bewusstsein für die Notwendigkeit und die Vorteile des Open-Access-Publizierens sei mittlerweile hoch, diesbezügliche Infrastrukturen (z. B. media/rep/) und Netzwerke (z. B. AG Open Media Studies) in der Medienwissenschaft etabliert. Zugleich verwies sie auf die noch bestehende Kluft zwischen der Veröffentlichung wissenschaftlicher Texte und der Veröffentlichung von Forschungsdaten. Formate wie die seit 2023 eingerichteten «Data Papers» bei NECSUS leisten hier Pionierarbeit. Im Mittelpunkt des Vortrags standen anschließend Überlegungen dazu, weshalb die weitere ‹Öffnung› seitens der Wissenschaftler:innen derzeit womöglich ins Stocken gerät. Neben fachkulturellen Gründen zeichnete Einwächter ein Panorama an gesellschaftlichen und technologischen Kontexten als strukturelle Hürden: Im Bestreben um Aufklärung suchen und wünschen sich Forschende, erstens, öffentliche Resonanz und Zugänglichkeit. Wer sich öffnet, macht sich aber auch verletzlich. Insbesondere Kolleg:innen aus sensiblen Bereichen der feministischen, postkolonialen oder intersektionalen Forschung zahlen mitunter einen hohen persönlichen Preis dafür, dass ihre Publikationen und / oder Daten offen für alle zugänglich sind. Zweitens fragen sich Forschende zu Recht, was in Zeiten von KI und automatisierter Auswertung welche Akteur:innen mit welchen Interessen mit (partiell) offenen Daten und Informationen eigentlich machen. Als Beispiel führte sie Plattformen wie Academia.edu an, bei denen Nutzende aktuell zustimmen (müssen), dass ihre Profilinhalte vom Betreiberunternehmen ausgewertet werden können, inkl. einer Weiternutzung mittels KI. Drittens mehren sich Cyber-Angriffe auf Hochschulen und in der Pandemie hatten zusätzlich Fälle etwa von «Zoombombings» Unsicherheit geschürt. Wer öffne sich schon (gerne) – so Einwächter – wenn es von allen Seiten Druck gibt?
Einen gänzlich anderen Zugang zum Thema wählte Franziska Heller (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg). In einer medienästhetischen Analyse beschäftigte sie sich mit den Assoziationsräumen, die die «Openness»-Bewegung in ihrer bildlichen Außenkommunikation auffächert. Hierzu setzte sie eingeschliffene kulturelle Codes, dispositivische Anordnungen und Logiken der Verknüpfung ins Verhältnis. Die erzeugten Techno-Imaginationen seien in ihrer unbewussten Wirksamkeit nicht zu unterschätzen, da sie Vorstellungen und affektive Einstellungen zur Öffnung von Publikationen und Daten mitprägen. Geradezu ikonisch ist etwa das geöffnete Schloss als physisch-taktiles Symbol von Befreiung und «Unlocking». Spätestens wenn davon ausgehend – Heller argumentierte durchweg anhand aussagekräftiger Bildbeispiele – aus dem Inneren des Schlosses heraustretend Papiere und Zettel frei umherfliegen, oder das geöffnete Schloss im Rahmen einschlägiger Konferenzen als Gimmick-Anhänger für Hotelzimmertüren angeeignet wird, stellt sich die Frage, was hier jeweils assoziativ vermittelt wird. Open Access und «Unlocking» als ungeordnete, flottierende Zettelwirtschaft? Als verführerisches Versprechen, erotisch aufgeladen? Beliebt sind auch Bilder, die Open Access mit perspektivischer Weite aufladen (z. B. «Sternenhimmel») oder einen Pfad darstellen («Ihr Weg zu Open Access»). Solche romantischen Naturalisierungen sollen motivieren. Der Weg geht nach oben, nach draußen – führt aber «wohin» genau? Oder die «Diner-Ästhetik». In vielen Kontexten werden die aus der Gastronomie bekannten «open»-Schilder bzw. Leuchtmittel als Illustration verwendet. Ob die damit verknüpften «kulinarisch-seduktiven Versprechen» von den Kommunikat:innen intendiert sind, sei dahingestellt.
In Verbindung mit dem Vortrag von Einwächter sensibilisierten Hellers Ausführungen für die Relevanz von Bildkommunikation und Bildsprache, gerade in einem Bereich, der ambitioniert ist, aber auch mit Hürden und Vorbehalten zu kämpfen hat. Allzu einfache, stereotype oder naiv anmutende Versprechens-Formeln können zumindest bei Teilpublika kontraproduktive, nicht-intendierte Effekte erzeugen, z. B. wenn sie bewusst oder unbewusst den vorhandenen Ambivalenzen und Komplexitäten gegenübergestellt werden. Exemplarisch zugespitzt: Die Extraktion von Daten aus offenen Publikationen und Forschungsdaten durch die KI-Wirtschaft – ist es das, was uns der weite Open-Access-«Sternenhimmel» verspricht? Es braucht mehr Reflexion, in welchem Kontext mit welchen Mitteln und Medien welche Zielgruppe anzusprechen ist.
Von der gegenständlichen auf die abstrakte Ebene wechselte der dritte Redner, Niels-Oliver Walkowski (Universität Luxemburg / Melusina Press). Für die Open-Science-Community erzeugt das Thema KI aktuell eine Reihe von Grenzerfahrungen. Beispiele sind Predatory Publishing und Paper Mills, die einen signifikanten Anstieg verzeichnen. Oder Großverlage, die aus ökonomischem Kalkül in großem Stil Abstracts aus offenen – für die OA-Transformation essenzielle – Zitationsdatenbanken wie OpenAlex abziehen. Walkowski nutzte KI als Aufhänger, um über generell und lang bestehende Ambivalenzen an den Grenzen von «Openness» ins Gespräch zu kommen. Hierfür arbeitete er Grenzspannungen zu fünf normativen Schlüsselkonzepten – Offenheit, Transparenz, Inklusion, Autonomie, (Rechtliche) Abgrenzung – von Open Science heraus. Selbst ein Verfechter und Pionier von Open Science, warf Walkowski zu jedem dieser Begriffe kritische Fragen auf: etwa zu den quasi-monopolitischen Tendenzen, die (auch) im OA-Publikationsmarkt bestehen; zum Machtgefälle zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden, für den APC-basierte Publikationsmodelle und Transformationsverträge neue Exklusionsmechanismen bedeuten; zu Transparenz-Regimen, die ihrerseits womöglich wiederum Intransparenz erzeugen; oder zu techno-libertären Axiomen («information wants to be free»), bei denen Status und Stellung der produzierenden Subjekte unbestimmt bleiben.
In Summe lenkte das Panel den Fokus eher auf die Problemlagen und Ungewissheiten. Die Diskussion offenbarte allerdings, dass ein Zurückdrehen der Zeit und das Verstecken oder Zurückhalten von Publikationen und Daten keine Antwort auf die Herausforderungen ist. Ziel sind vielmehr menschen-, kontext- und wissenschaftsangemessene Formen von Openness und Open Science – im Zeitalter von KI erst recht, unter Einschluss ihrer produktiven Nutzbarmachung. Einwächter prägte das Wort einer «wehrhaften Openness», die es zu erreichen gelte. In Anlehnung an soziologische Zeitdiagnosen kann von «reflexiver Openness» als nächste Phase gesprochen werden. Falls jemals angemessen, scheint zumindest jedes unhinterfragte Sprechen über Openness, gleichsam als Selbstzweck und natürlich-folgerichtige Entwicklung von Wissenschaft, passé.
Daten und Digitalität
Das von Patricia Blume (Universitätsbibliothek Leipzig) moderierte Panel beinhaltete drei Beiträge und befasste sich mit dem Thema Daten und Digitalität in der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Die Runde diskutierte in diesem Zusammenhang, wie Daten in der Kommunikations- und Medienwissenschaft generiert werden, wie sie veröffentlicht werden, welche Rolle offene Infrastrukturen spielen, wie die Daten nachgenutzt werden und welche Hindernisse bei der Veröffentlichung und Nachnutzung von Daten bestehen.
Denise Sommer (Ostfalia Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel) zeigte in ihrem Vortrag, dass Daten in der Kommunikationswissenschaft schon immer eine wesentliche Rolle gespielt haben. Mit der Digitalisierung haben die Forschungsdaten eine neue Dimension erreicht, und man könnte von einer Datafizierung in der Kommunikationswissenschaft sprechen. Dies eröffnet eine Reihe von Chancen und Herausforderungen. Offene Daten bieten einerseits zweifellos Möglichkeiten zur (kollaborativen) Nachnutzung. Andererseits gilt es, zur Gewährleistung der wissenschaftlichen Qualität der Daten die Einhaltung der sogenannten FAIR-Prinzipien sicherzustellen. Denise Sommer stellte ihre Forschungsergebnisse zu folgenden Fragen vor: Wie veröffentlichen Kommunikationswissenschaftler:innen Forschungsdaten? Mit welchen Forschungsmethoden werden die Daten erhoben? Wie bekannt sind offene Repositorien in der Fachcommunity? Wie werden offene Daten nachgenutzt und geteilt und was sind ggf. Gründe, warum Forschungsdaten nicht geteilt werden? Die Diskussion wandte sich dann der Erkenntnis zu, dass trotz Fortschritten im Bereich des Datafizierung ein kultureller Wandel in dem Fachgebiet erforderlich ist und die Forschungsdateninfrastruktur optimiert werden muss, um Kommunikationswissenschaftler:innen dazu zu bewegen, ihre eigenen Forschungsdaten in größerem Umfang zu veröffentlichen und offene Wissenschaftspraktiken anzuwenden.
Gerhard Lauer (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) zeigte zunächst in einem historischen Rückblick, wie die Wissenschaft im Laufe der Zeit zunehmend demokratisiert wurde und Forschungsergebnisse nach und nach breiteren Teilen der Gesellschaft zugänglich wurden. Er ging dabei auch auf die wachsende Metrisierung der Wissenschaft sowie die Rolle der Bibliotheken in diesem Prozess ein. Parallel zu dieser Entwicklung wurde das wissenschaftliche Publizieren jedoch immer stärker von großen Verlagen monopolisiert, die Subskriptionsmodelle mit einer aggressiven Preispolitik verfolgten. Dies führte dazu, dass es für wissenschaftliche Einrichtungen zunehmend schwieriger wurde, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten und die erforderliche Anzahl an Zeitschriften zu abonnieren. Als Gegenreaktion auf diese Tendenzen, entstanden sogenannte Schattenbibliotheken. Diese sind jedoch weder legal noch stellen sie keine seriöse und nachhaltige Lösung dar.
Um dem entgegenzuwirken, begannen Forschungsinstitutionen, eigene Open-Access-Infrastrukturen aufzubauen, etwa im Rahmen von Initiativen wie Plan S. Gerhard Lauer verwies zugleich auf neue Gefährdungen wissenschaftlicher Infrastruktur: die Aggregation von Nutzerspuren in wissenschaftlichen Informationssystemen, die häufig im Besitz großer Verlage sind, den Verkauf wissenschaftlicher Daten durch Verlage für das Training von KI-Systemen sowie die zunehmenden Sicherheitsrisiken für hochschulische Dateninfrastrukturen, die Hackerangriffe erleichtern. Vor diesem Hintergrund betonte Gerhard Lauer die Notwendigkeit, wissenschaftliche Infrastrukturen grundlegend umzubauen – etwa durch die internationale Aufkündigung von Projekten wie DEAL, den Gewinn digitaler Souveränität und die Reduktion der Komplexität der Infrastrukturen in den Hochschulen.
Das Panel wurde von Thomas Scherer (Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder) mit einer Perspektive aus der Filmwissenschaft abgeschlossen. Seinen Beobachtungen zufolge gibt es in der Filmwissenschaft wenig Sichtbarkeit für offene Forschungsdaten und wenig aktive Nachnutzung. Hier spielen urheberrechtliche Regelungen eine Rolle, da insbesondere Videodateien, Filmausschnitte oder TV-Material oft urheberrechtlich geschützt sind und nicht frei wiederverwendet werden können. Selbst bei einer vergleichenden Analyse von TV-Nachrichten wären eine empirische Verifikation und eine effektive Nachnutzung nur in Ausnahmefällen möglich. Im Gegensatz dazu wären urheberrechtliche Fragen bei Annotationsdaten zur Filmanalyse kein Hindernis. Thomas Scherer ging auch auf das Thema Computer Vision und Urheberrecht ein und darauf, wie Datensätze aus dem Bereich Computer Vision wiederverwendet werden können. Ein weiterer Aspekt des Beitrags befasste sich mit der Frage, wie Extremismusforschung unter den Bedingungen von Open Science durchgeführt werden kann. Dabei wurde deutlich, dass gerade in diesem sensiblen Forschungsfeld besondere Spannungen zwischen Offenheit, Transparenz und Schutzbedürfnissen bestehen. Hervorgehoben wurden drei Punkte: der notwendige Schutz der Forschenden, die Priorität von Verantwortung gegenüber vollständiger Transparenz sowie der zunehmende Druck auf die Wissenschaftsfreiheit in der Extremismusforschung.
Wie in den drei Vorträgen war auch in der anschließenden Diskussion der rote Faden, dass offene Daten die Kommunikations- und Medienwissenschaften durchaus inhaltlich bereichern. Allerdings müssen dafür die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden, darunter eine leitungsfähige und sichere Infrastruktur, die Etablierung von Open-Access-Praktiken in den Fachbereichen und der Ausbau von Beratungsangeboten für Fachcommunity an den Hochschulen.
Infrastrukturen
Den Schlusspunkt des Workshops setzte Stefan Höltgen (Universität Bonn), der die Diskussion auf ein Feld lenkte, das für die Kommunikations- und Medienwissenschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Bewahrung digitaler Spiele. Ausgangspunkt seines Beitrags war die Frage, welche infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um akademische Initiativen in diesem Bereich tragfähig miteinander zu vernetzen – ein Thema, das Höltgen bereits wiederholt zur Diskussion gestellt hat.
Höltgen zeichnete zunächst ein Bild der bestehenden Landschaft: Zahlreiche universitäre Projekte, museale Programme und communitybasierte Sammlungen arbeiten parallel an ähnlichen Zielen, jedoch meist ohne stabile Schnittstellenoder gemeinsame technische Standards. Aus dieser Dispersion resultiert zwar eine bemerkenswerte Vielfalt, zugleich erschwert sie aber die nachhaltige Sicherung, Dokumentation und Nachnutzbarkeit von Spielartefakten erheblich. Die zentrale Herausforderung bestehe daher darin, Fragmentierung zu überwinden und Strukturen zu schaffen, die langfristigen Austausch ermöglichen. Exemplarisch nannte er das Netzwerk Game Labs an Hochschulen als positives Beispiel für funktionierende Netzwerke mit Schnittstellen zum Bereich Game Preservation. Erwähnenswert ist, dass dieses Netzwerk an der Universitätsbibliothek Marburg gegründet wurde, also genau dort, wo auch der Workshop stattfand – ein Umstand, der den Bogen zwischen Praxis, institutioneller Verankerung und Diskussionsraum anschaulich schließt.
Mit seinem Beitrag ergänzte Höltgen die zuvor diskutierten Perspektiven um eine klar infrastrukturelle Dimension. Er verdeutlichte, dass die Kommunikations- und Medienwissenschaft bei der Erforschung und Bewahrung digitaler Spielmedien auf kooperative, interoperable und zugleich verantwortungsvolle Strukturen angewiesen ist. Damit schärfte er den Blick für die Bedingungen, unter denen zukünftige fachspezifische Informationsinfrastrukturen tragfähig gestaltet werden können.
Lessons Learned
Der Workshop «Rethinking Openness in 2025» machte deutlich, dass die Reflexion von Openness heute nicht mehr nur technologische oder infrastrukturelle Fragen umfasst, sondern eng mit ökonomischen, gesellschaftlichen und ethischen Dynamiken verknüpft ist. In mehreren Beiträgen des ersten Panels zeigte sich ein wiederkehrendes Thema: die Kommerzialisierung von Wissenschaft und ihre Folgen. Franziska Heller verwies in diesem Zusammenhang auf die diesjährige Open Access Week, die unter dem Motto «Who Owns Our Knowledge?» stand, und machte deutlich, wie kritisch die Vorstellung von Wissenschaft als Produkt reflektiert werden muss. Ein verwandter Fokus zog sich durch Niels-Oliver Walkowskis Vortrag, in dem die ökonomischen Dynamiken des Publikationsmarktes, inklusive Machtgefällen und Exklusionsmechanismen, thematisiert wurden. Sophie G. Einwächter ergänzte, dass mit der Kommerzialisierung auch verstärkte Biases einhergehen, die sich durch den Einsatz von KI weiter reproduzieren und die wissenschaftliche Praxis beeinflussen.
Das zweite Panel schloss an die Kritik der Kommerzialisierung der Wissenschaft an, die sich insbesondere in Großverlagen manifestiere, die sich zu Datenkonzernen weiterentwickeln und dabei eigene Interessen verfolgen. Demnach ist die Erlangung einer digitalen Souveränität der Wissenschaft essenziell, welche aber voraussetzt, dass eigene Infrastrukturen aufgebaut werden, um wissenschaftliches Arbeiten und Publizieren zu ermöglichen. Dies betrifft insbesondere Dateninfrastrukturen und die Nachnutzbarkeit von Forschungsdaten, die verstärkt publiziert und nachgenutzt werden müssen. Neben den oft fehlenden Anreizen zur Publikation von Forschungsdaten wurden auch eingehender rechtliche Limitierung diskutiert, die in der Natur der Forschungsgegenstände der Kommunikations- und Medienwissenschaft begründet liegen.
Bibliotheken und andere Akteur:innen der wissenschaftlichen Infrastruktur setzen sich bereits seit Jahrzehnten für echte Offenheit in der Wissenschaft ein und beziehen dabei neue technologische und gesellschaftliche Entwicklungen in ihre Arbeit ein. Zugleich stellen sie provokative und notwendige Fragen, die im Alltag der Wissenschaft oft übersehen oder «mitgespielt» werden – wie das Motto der Open Access Week exemplarisch verdeutlicht: «Who Owns Our Knowledge?» Ein spezifischer Beitrag des FID Media für die Kommunikations- und Medienwissenschaft liegt darin, diese aktuellen Fragestellungen gezielt aufzugreifen, in Workshops wie diesem provokativ zur Diskussion zu stellen und zugleich relevante Services zu entwickeln, etwa einen urheberrechtlichen Beratungsservice, der unmittelbar an die kritische Debatte um Eigentum, Zugriff und Nutzung von Wissen anschließt.
Stefan Cravcisin studierte Rechtswissenschaften (LL.B.) in Klausenburg, Rumänien,
und erwarb einen Master of Laws (LL.M.) an der Universität Passau. Er absolvierte eine Ausbildung für den höheren bibliothekarischen Dienst an der Bayerischen Bibliotheksakademie München und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht, Völkerrecht, Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht an der Universität Passau. Anschließend war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universitätsbibliothek Tübingen und ist aktuell juristischer Referent am FID Media an der Universitätsbibliothek Marburg.
Wolfgang Reißmann war von 2007–2024 als Kommunikations- und Medienwissenschaftler an den Universitäten Leipzig, Erfurt, Siegen und der Freien Universität Berlin tätig. Seit Oktober 2024 ist er Volontär an der Universitätsbibliothek Leipzig mit Schwerpunkt im Bereich Open Science. https://orcid.org/0000-0001-9032-5586
Lydia Riedl ist Leiterin des Sachgebiets Open Science an der Universitätsbibliothek (UB) Marburg. Ihre Schwerpunkte sind das wissenschaftliche Publizieren im Open Access sowie Reproduzierbarkeit und Open Science. Ihr Team konzeptioniert, entwickelt und betreibt wissenschaftliche Repositorien, bietet Kuration in diesen Repositorien sowie Trainings und Beratung. Als Koordinatorin des FID Media an der UB Marburg ist ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Arbeit die Open-Science-Transformation in den Kommunikations- und Medienwissenschaften. Als studierte Linguistin und promovierte Neurowissenschaftlerin hat sie Einblicke in verschiedene Fachkulturen und engagiert sich in verschiedenen Open-Science-Communitys.
Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Open Media Studies (18. Dezember 2025). Die Open-Science-Transformation in der Kommunikations- und Medienwissenschaft im Zeitalter von KI – ein Workshopbericht von Stefan Cravcisin, Wolfgang Reißmann und Lydia Riedl. Open Media Studies Blog. Abgerufen am 7. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/15dju